Industriebauten: «Der alte Bahnhof» - LG Zug

Industriebauten: «Der alte Bahnhof»


Zeitzeugen auf dem LG-Areal. Teil 1/3.

Bilder: Güterbahnhof am Theilerplatz, 2016/17, von Guido Baselgia (Fotograf), publiziert in „Die Fabrik in der Stadt“ von Heinz Horat (Autor), herausgegeben vom Verein Industriepfad Lorze

Text: Falco Meyer

Wo zieht es uns magisch hin, wenn wir uns durch urbane Areale bewegen? Wohin setzen wir uns für eine Pause? Welche Orte fühlen sich besonders authentisch an? Es sind Orte, die Geschichte haben – und damit einem ganzen Quartier ein Gesicht geben können. Es zieht uns zu den alten Backsteinmauern, zu den Fassaden mit eigentümlicher Vergangenheit, zu den Gebäuden, denen man einen anderen, längst verschwundenen Zweck ansieht. Wir setzen uns gerne unter alte Bäume, auf die Rampen ehemaliger Industriebauten, unter ein ehemaliges Fabrikdach, denn diese Orte haben etwas zu erzählen. Geschichten von aufregenden Zeiten, als eine Fabrik fast grösser war als der Rest der Stadt. Als man für Mitarbeitende Wohnhäuser mit Gärten baute. Als man in den Direktionsgebäuden von der grossen Welt träumte, und in den Montagehallen von einer blühenden Zukunft für die eigene Familie. Auf dem LG-Areal gibt es eine ganze Reihe solcher Orte, und sie sollen auch in Zukunft erhalten bleiben. In dieser kurzen News-Reihe wollen wir sie vorstellen.

Es ist nicht so, dass man dadurch weniger bauen kann. Man muss einfach etwas umfassender und sorgfältiger planen, als wenn man alles abreissen würde. Der Gewinn durch den Erhalt dieser Gebäude ist allerdings sehr gross.

Christian Salewski, Salewski & Kretz Architekten

Wir fangen mit dem Ort an, der das Tor zur ehemaligen Fabrik bedeutete. Nicht das Tor für die Arbeiter. Sondern das Tor zur Welt. Denn Zug war schon damals international. «Die Landis & Gyr hat damals das Internationale, das die Stadt Zug heute als Qualität aufweist, schon vorweggenommen», sagt Christian Salewski von Salewski & Kretz Architekten. «Nicht nur durch den internationalen Erfolg, sondern auch durch Themen wie Migration von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern. Das LG-Areal ist deshalb, und auch aufgrund seiner Grösse, für die Stadt Zug und die Umgebung sehr prägend.» Sein Team hat zusammen mit pool Architekten, Studio Vulkan Landschaftsarchitektur und mrs partner das städtebauliche Richtkonzept für die Überbauung des LG-Areals erarbeitet. Durchgesetzt hat sich der Vorschlag dieses Teams im Wettbewerb mit anderen auch deshalb, weil er explizit alte Bausubstanz erhalten möchte. «Es ist nicht so, dass man dadurch weniger bauen kann», sagt Salewski, «man muss einfach etwas umfassender und sorgfältiger planen, als wenn man alles abreissen würde. Der Gewinn durch den Erhalt dieser Gebäude ist allerdings sehr gross.»

So bringt er beispielsweise das Runde aufs Areal. Elegant schwingt der alte Bahnhof seinen gläsernen Flügel von Westen nach Norden, winkt damit in Richtung Bahngleise, und zeigt so tief in die Vergangenheit. 1938 wurde er erbaut, kurz vor dem Krieg. heute steht er inmitten der rechten Winkel des ehemaligen Fabrikgeländes, als Zeuge einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der viel Energie benötigt wurde für die vielen schweren Maschinen. Vollbeladene Züge schafften Kohle heran und trugen fertige Produkte in die Welt hinaus. Die Krümmung der Bahngeleise, die Achse hinüber zu den Hauptgleisen der SBB, all das ist immer noch nachvollziehbar, wenn wir heute vor den alten Bahnhof treten.

Foto von Guido Baselgia aus dem Jahr 2017: Güterbahnhof am Theilerplatz

Alte Kerne bieten Identität

«Meinen alten Bahnhof», sagt Heinz Horat liebevoll. Der ehemalige Denkmalpfleger des Kantons Zug hat in seiner Amtszeit das LG- Areal als verbotene Stadt, als unzugänglichen Ort erlebt. Als kollektiven weissen Fleck auf der Landkarte der Stadt Zug. Ein Areal so gross wie die Altstadt, das im Stadtgefühl nicht existierte, weil es nur von den Arbeitenden betreten werden konnte. Heute ist das anders. Und in Zukunft soll das, im Zuge der Überbauung, noch einmal ganz anders werden. Der alte Bahnhof soll bestehen bleiben – oder besser, weiterentwickelt werden. «Das ist die beste Art von Denkmalpflege», sagt Horat, «wenn es im ureigenen Interesse der Eigentümer liegt, alte Gebäude mit Qualität zu erhalten, einfach weil sie immer noch einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden können.»

Beim alten Bahnhof könnte diese Nutzung vielfältig sein. Schon heute dient er als Heimat für ein Lokal – und als schöne Unterbrechung der sonst so schnurgeraden Dammstrasse. «Wenn man dieses geschwungene Dach im Kontext mit den umliegenden Gebäuden betrachtet, dann fühlt sich dieser Ort einfach stimmig an», sagt Horat. «Natürlich könnte man bei der Planung eines solchen Areals auch Tabula rasa machen, das wäre vielleicht am einfachsten», so Horat. Also alles Bestehende abreissen und komplett neu bauen. «Allerdings sind es genau solche alten Bauten wie dieser alte Bahnhof hier, die inmitten moderner Architektur Identifikationsmöglichkeiten bieten. Weil sie als Unikate geradezu physisch quer im Stadtgefüge stehen. Sie sind es, die letztlich auf den Werbematerialien landen, über die etwas erzählt werden kann, und die interessante Räume ermöglichen.»

Es sind immer diese alten Kerne, welche die Identität eines überbauten Areals stark prägen.

Dr. Heinz Horat, ehemaliger Denkmalpfleger Kanton Zug

Sie haben eine Grösse, die für Fussgänger erfassbar ist, sie zeigen die Vergangenheit des Areals auf und machen sie erlebbar. Und sie bilden einen Rahmen für das Areal. Hier ist es der Abschluss der zentralen Dammstrasse: Vom ehemaligen Direktionsgebäude, in dem heute die Stadtverwaltung untergebracht ist, an der kleinen Shedhalle vorbei, in der heute das «SHED» untergebracht ist, bis zum alten Bahnhof. «Es sind immer diese alten Kerne, welche die Identität eines überbauten Areals stark prägen. Da können wir uns ein Vorbild an der amerikanischen Baukultur nehmen, die sehr kreativ mit solchen hergebrachten Bauten umgeht», sagt Horat. Zentral sei dabei nicht die Konservierung der Bauten, sondern deren kreative Weiterentwicklung. «Wichtig ist diese gekrümmte Fassade mit dem Glasdach. Dahinter wurde schon viel an- und abgebaut, da wird bestimmt etwas Neues entstehen können.» Das sieht auch Christian Salewski so. «Hier wird man nicht jede Schraube der Stahlkonstruktion erhalten müssen», sagt er, «sondern das Eigene des Gebäudes weiterentwickeln und einer spannenden neuen Nutzung zuführen.»