Von der Fabrik direkt auf die Bahnwagen - LG Zug

Von der Fabrik direkt auf die Bahnwagen


History Points auf dem Areal

Text: Michael van Orsouw, Bilder: Archiv für Zeitgeschichte, ETH Zürich

Die Landis & Gyr stellte Elektrizitätszähler her, die in die ganze Welt verschickt wurden. Um die Transporte zu vereinfachen, hatte die LG ein simples Mobilitätskonzept: Sie baute sich 1939 einen eigenen Güterbahnhof mit Gleisanschluss auf das Fabrikareal. Dieser steht heute mitten auf dem LG-Areal und springt mit seiner ungewohnt gerundeten Form ins Auge.

Wenn man sich die historischen Aufnahmen der Landis & Gyr in ihrem Ursprungsbau an der Hofstrasse anschaut, sieht das nach einem stattlichen Unternehmen aus: das aufgestockte Theilerhaus, die Shedbauten, der Hochbau am Mänibach sowie weitere Nebenbauten. Was dabei vergessen geht, ist die gar nicht stattliche Verkehrssituation. Denn die Hofstrasse war damals noch nicht ausgebaut, sondern nur eine sehr schmale Hofgasse mit lediglich einer Fahrspur. Ein Foto aus der damaligen Zeit zeigt noch Hecken links und rechts der engen Strasse.

1925: Der einzige, enge Zugang zum weltweit agierenden Elektrokonzern: über die einspurige Hofstrasse.

So ist es fast nicht zu glauben, dass die Landis & Gyr von ihrer Gründung im Jahre 1896 während 33 Jahren bis 1929 ausschliesslich an der Hofgasse/Hofstrasse produziert hat und ihre Rohstoffe mühsam dorthin transportiert und die fertig produzierten Zähler noch mühsamer zurückspediert hat. Kein Wunder, bemühte sich die Landis & Gyr schon früh um eine Bahnhaltestelle Bürgerspital inklusive Industriegeleise, um eine bessere Verkehrsanbindung zu erhalten. Doch das, so hat der Zuger Eisenbahnhistoriker Martin Stuber herausgefunden, gelang der LG nicht und befeuerte das Umzugsvorhaben der wachsenden Fabrik.

Deshalb muss die Erleichterung der Logistik extrem gross gewesen sein, als die Landis & Gyr 1929 das Fabrikgelände an der Gubelstrasse und direkt neben dem Bahnhof Zug beziehen konnte. Der Konzern konnte seine ganzen Abläufe massiv vereinfachen. Denn trotz Weltwirtschaftskrise blieb die Landis & Gyr auf Expansionskurs. Schon 1935 zeigte sich das auch baulich: Der erste Shedbau wurde gegen Norden erweitert, und – damit kommen wir auf den heute zu beleuchtenden Punkt – die Landis & Gyr bekam einen eigenen Gleisanschluss.

Um 1935: Die Geleise für den Bahnanschluss des LG-Areals werden verlegt, im Hintergrund rechts die Untermüli.

Damit hatte die Landis & Gyr nicht mehr nur den Bahnhof Zug in ihrer Nähe, sondern dazu ein Industriegleis exklusiv für ihre Zwecke: Sie konnte Rohstoffe und Kohle für die Energiezentrale heranführen und ihre Produkte – die gut verpackten Elektrizitätszähler – zur Kundschaft senden. Mit dem direkten Anschluss an die grosse weite Welt brach für die Landis & Gyr mobilitätsmässig eine neue Zeit an: Die mühsamen Transporte vom Bahnhof Zug an der Alpenstrasse bis zur Hofstrasse, wo der Ursprungsbau der Fabrik stand, waren endgültig Vergangenheit. Interessant ist, dass die Landis & Gyr die eisenbahntechnische Erschliessung auf dem Areal an der Gubelstrasse nicht von Süden bewerkstelligte, weil sie dann den Niveauunterschied zwischen erhöhtem Bahnhof und nieder liegenden Strassen hätte überwinden müssen. Deshalb erfolgte die Erschliessung von Nordosten, wo der Niveauunterschied viel weniger ausgeprägt war.

1938 kam dann bereits die nächste Stufe dazu. Das bereits bahnhofsnahe Fabrikareal der Landis & Gyr bekam sogar noch einen eigenen Bahnhof auf ihrem Gelände!

Im Juni 1938: Der Bahnhof auf dem LG-Areal wird erstellt, gut erkennbar an der Eisenskelett-Konstruktion.
Auch ein Bild aus dem Jahre 1938: Das Gleis links unten liegt schon, der Bahnhof ist noch im Bau.

Der nach Süden abgerundete Bau wurde nördlich der Fabrikationshallen gebaut. Skizzen aus den 1940er-Jahren, die heute im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich abgelegt sind, zeigen aufschlussreiche Details.

Skizze der Bahnverbindungen auf dem Gelände: Rechts der
Güterbahnhof mit der Halbrundung, links die direkten Zugänge
zu den Fabrikationshallen.

Die Eisenbahnformationen mit Rangierlokomotive und Anhängern fuhren vom Bahnhof Zug ein kleines Stück nach Norden; auf der Höhe der Feldstrasse befand sich die Abzweigweiche ins LG-Areal. Die Rangierzüge fuhren dann zum LG-Güterbahnhof mit der charakteristischen Rundung gegen Süden; von dort ging es entweder mit den Gütern in die geräumigen Lagerhallen. Oder die Feinverteilung auf dem LG-Areal nahm ihren Anfang. Denn die Geleise führten viel weiter zu Fabrikhallen, entweder nach Norden oder nach Süden, direkt in zwei Produktionsstätten. Die Landis & Gyr konnte also ihre Produkte ganz bequem von den Fertigungsstrassen direkt auf die Bahnwagen laden.

Die Produktion der Landis & Gyr lief damals in der Zwischenkriegszeit auf Hochtouren. Im Werk Zug waren 1800 Personen beschäftigt, im ganzen Konzern waren es mittlerweile 3500 Personen. Am 5. Februar 1939 konnte der Elektrokonzern feiern: Er lieferte seinen Elektrizitätszähler Nummer 10’000’000 aus – die Zehn-Millionen-Marke war übertroffen! Der Anteil am Weltmarkt lag damals bei 13 Prozent. Was die Produktionsleistung der Landis & Gyr besonders eindrücklich machte: Ihr Exportanteil lag bei 80 Prozent (während amerikanische Zählerfirmen gerade mal 4 Prozent ins Ausland schickten). Die Elektrizitätszähler der Landis & Gyr gingen von Zug aus per Bahntransport in nicht weniger als 80 Länder.

Um 1939: Im Vordergrund die verschiedenen Geleise, dahinter der feingliederige Güterbahnhof der LG.

Wann genau die Lastwagentransporte wichtiger wurden und die Gütertransporte per Bahn ins Hintertreffen gerieten, lässt sich nicht mehr genau eruieren. Auf jeden Fall steht der Bahnhofsbau noch heute mitten auf dem Areal, und wer genau hinsieht, kann noch einzelne Geleisestücke im Asphalt erkennen. In den letzten Jahren gelangten verschiedene Zwischennutzungen in die Liegenschaft. So tanzen sich junge Zugerinnen und Zuger in der dort untergebrachten «Lounge & Gallery», kurz L&G, die Beine bis in die frühen Morgenstunden in den Bauch. Während der Coronakrise war dort ein Testzentrum untergebracht. Für die Zukunft soll der Bau wiederhergestellt werden – als historisches Zeugnis eines alten, aber heute wieder modernen Mobilitätskonzepts.

Zum Schluss noch dieser erheiternde Aspekt. Der Landis&Gyr-Bahnhof ist zwar Geschichte. Aber die Bushaltestelle an der Gubelstrasse trägt den zum Verwechseln ähnlichen Namen «Landis & Gyr/Bahnhof».